Musiktheater und Konzert

Es geschah am 25. Juli 1981. Damals war ich 15 Jahre jung, lebte in einer deutschen Kleinstadt im Rheinland und verbrachte an diesem Tag sechs Stunden voller Faszination vor dem Radio: Wagners „Tristan“ live von den Bayreuther Festspielen – mit René Kollo in der Titelpartie. Noch heute spüre ich in mir, wie ich seinerzeit als blutjunges Mädchen Tristans Fieberträume und Isoldes Liebestod im dritten Akt erlebte. In diesen Stunden fiel die Entscheidung, meinen Lebensweg in diese Richtung zu lenken ...


Unmittelbar nach meinem geisteswissenschaftlichen Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dessen Mittelpunkt Philosophie und Musikwissenschaft standen, ermöglichte mir ein seinerzeit hervorragend dotierter Auftrag den Weg in die Selbständigkeit, den ich seit nunmehr 25 Jahren erfolgreich fortsetzen konnte.


Insbesondere danke ich Familie Schessl und dem wunderbaren Team von „münchenmusik“ für eine langjährige vertrauensvolle und erfüllende Zusammenarbeit.


Darüber hinaus arbeitete ich u.a. für

  • Wiener Konzerthaus
  • Richard-Strauss-Institut Garmisch-Partenkirchen
  • Art Concerts
  • Pro Events
  • Nationaltheater Weimar
  • Bayerische Staatsoper München
  • Münchner Philharmoniker
  • Österreichische Bundestheater
  • Mozarteum Salzburg
  • Bayerischer Rundfunk
  • WDR Köln
  • Deutschlandradio

Im Mittelpunkt meines Interesses steht dabei immer die ganzheitliche Betrachtung der Musikgeschichte – Musik als Medium gesellschaftlicher Strömungen und philosophischer Diskurse. Hier ein kleines Beispiel aus meiner essayistischen Arbeit in diesem Bereich:

 

„Du gehst deinen Weg der Größe“

Richard Strauss: „Also sprach Zarathustra“

 

Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg, gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an, und wie viele Berge und Rücken und Gipfel er schon gestiegen sei.
Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.
Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebnis komme, – ein Wandern wird darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber!
Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zufälle begegnen durften; und was könnte jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen wäre!
Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim – mein eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zufälle.
Und noch eins weiß ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem, was mir am längsten aufgespart war. Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach, ich begann meine einsamste Wanderung.
Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: ,Jetzo erst gehst du deinen Weg der Größe! Gipfel und Abgrund – das ist jetzt in Eins beschlossen!
Du gehst deinen Weg der Größe: nun ist deine letzte Zuflucht worden, was bisher deine letzte Gefahr hieß!
Du gehst deinen Weg der Größe: das muss nun dein bester Mut sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr gibt!
Du gehst deinen Weg der Größe: hier soll dir keiner nachschleichen! Dein Fuß selber löschte hinter dir den Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit!‘

Friedrich Nietzsche


„Die Sonne geht auf. – Das Individuum tritt in die Welt oder die Welt ins Individuum.“ – Diese Worte, mit denen Richard Strauss die monumentalen Anfangstakte seiner Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ umschrieb, zeugen von der scheinbar grenzenlosen Lebenskraft und von der fundamentalen Energie, die den berühmten Beginn des Strauss’schen „Zarathustra“ auszeichnen und gleichzeitig auch den Menschen Richard Strauss charakterisieren: „Richard Strauss hat weder eine närrisch wilde Lockenmähne noch die Bewegungen eines Rasenden. Er ist groß und wirkt in seiner freien entschlossenen Haltung wie einer jener großen Forscher, die mit einem Lächeln auf den Lippen die Gebiete wilder Völkerschlachten durchqueren. Braucht man vielleicht heute etwas von dieser Haltung, um die wohlgesittete Öffentlichkeit aufrütteln zu können? – Seine Stirn ist übrigens die eines Musikers, aber die Augen und das Mienenspiel sind die eines ,Übermenschen‘, von dem der sprach, der sein Lehrmeister in der Energie gewesen sein muss: Nietzsche.“ So beschrieb Claude Debussy Richard Strauss und stellt dabei genau den Begriff in den Mittelpunkt, der zur Grundlage des Strauss’schen Nietzsche-Verständnisses werden sollte: Energie, geistige Energie, mentale Kraft – Energien, zu deren Medium die philosophisch orientierten Tondichtungen im Schaffen des Komponisten Strauss wurden.


„Die Sonne geht auf!“ – Diese Klänge, die die Literatur als „musikalische Morgenröte epochalen Ausmaßes“ bezeichnet, stellen den vielleicht berühmtesten Sonnenaufgang der Musikgeschichte dar. Klänge, die aus einem leeren C-Klang ohne die das Tongeschlecht bestimmende Terz erwachsen und schließlich in strahlendem C-Dur münden! Bevor Richard Strauss im weiteren Verlauf der Tondichtung den Konflikt zwischen der menschlichen Zivilisation und naturgegebenen Verhaltensweisen symphonisch austrägt, greift er in diesem legendären C-Aufstieg mit der Wahl der vorzeichenfreien Dur-Tonart einen musikalischen Topos auf, der seit Jahrhunderten gewachsen ist: Eine Tonart war Programm geworden. In Haydns „Schöpfung“ Symbol des ordnenden Lichts und damit Klang gewordener Urgrund christlicher Religiosität – in Mozarts „Jupiter“-Symphonie Synonym eines ordnenden universellen Weltgeistes, der in der schöpferischen Kraft des menschlichen Genies mündet – bei Beethoven schließlich der politisch-gesellschaftliche Befreiungsschlag aus Unterdrückung und Tyrannei. C-Dur war längst zum musikalischen Synonym universeller Größe und geistiger Reinheit geworden, zum klingenden Symbol des „Ur-Lichts“, mit dem Strauss jetzt Nietzsches Dichtung der Vorrede Zarathustras musikalisch umsetzt: „Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. (…) Und eines Morgens stand er mit der Morgenröte auf, trat vor die Sonne hin und sprach zu ihr also: ,Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!‘“

 

Erste Gedanken zu seiner neuen Tondichtung notierte Richard Strauss am 9. Juli 1895 während eines Urlaubs in Cortina d’Ampezzo in seinem Schreibkalender: „Neue Tondichtung überdacht: Schauen – Anbeten, Erleben – Zweifeln“. Strauss formuliert schon hier seine Affinität zu Nietzsches „Antichrist-Gedanken“, der nicht erst in der Alpensinfonie zum Tragen kommt, sondern auch im Zarathustra bereits thematisiert wird. Der Begriff „antichristlich“, der nicht zwingend mit antireligiös gleichzusetzen ist, bezeichnet in diesem Zusammenhang ein Menschenbild, das von Freiheit und Selbstverantwortung geprägt ist, beschreibt die „condition humaine“ im Zeichen der Aufklärung.
Die Frage, was Richard Strauss am „Zarathustra“-Stoff faszinierte, was ihn zur musikalischen Verarbeitung eines der berühmtesten Bücher seiner Zeit, Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, drängte, findet ihre Antwort nicht nur im Denken des jungen, seinerzeit in Weimar tätigen Kapellmeisters, das ähnlich den Ideen Nietzsches von der Kunstphilosophie des 19. Jahrhunderts und einem absolut elitären Anspruch an die Umwelt geprägt war. Aber auch der kulturelle und geistige Konservatismus der thüringischen Provinzstadt, der dem jungen aufstrebenden Kapellmeister, dem Wagnerianer und heranwachsenden „Neutöner“ zunehmend problematisch erschien, verlangte nach einem kraftvollen Kontrapunkt. In den Briefen an seinen Vater beschwerte Strauss sich bitterlich, dass sich in Weimar seit 100 Jahren nichts verändert habe, nur dass „ein gewisser Herr von Goethe nicht mehr beteiligt sei“. Nietzsches Schriften erschienen Strauss in dieser Situation als hoffnungstragende Vision, als mächtiger Gegenpol und beredter Ausdruck einer künstlerischen Protesthaltung gegen jegliches die kreative Freiheit hemmendes Philistertum. Das revolutionäre Gedankengut und der Radikalismus in Nietzsches Denken faszinierte den jungen Strauss, der in dem Philosophen durchaus einen teilweise Geistesverwandten erkannte. Zudem basierten Nietzsches Kunsttheorie und Wagners dramaturgische Grundlagen eines neuen zukunftsweisenden Musikdramas auf einem gemeinsamen ästhetischen Fundament.
C-Dur wird bei Richard Strauss musikalisches Synonym der sprachlichen Bildhaftigkeit des Philosophen. Aber die reine Tonart, die die machtvollen Anfangsklänge der Tondichtung mit der Natur, der Sonne, dem Licht als dem Urgrund des Seins schlechthin identifiziert, bleibt im „Zarathustra“ als Träger der musikalischen Dramaturgie nicht allein. „Das Individuum tritt in die Welt ...“ – der Mensch, der in beständigem Dualismus mit der Natur, mit der ureigenen Beschaffenheit seiner „durch die Moral in Bann“ gehaltenen Existenz lebt! H-Dur, eine Tonart mit fünf Kreuzen, in der klassischen Harmonik denkbar weit, für Richard Strauss nur um eine chromatische Rückung von den C-Klängen der Natur entfernt, wird zur Tonart des Menschen.

 

Nietzsches Übermensch und sein „Antichrist-Gedanke“ wenden sich in der Interpretation von Richard Strauss zum freien, selbst verantwortlichen Menschen. In „Also sprach Zarathustra“ ist „Der Genesende“ derjenige, der die Aussichtslosigkeit eines Daseins, das ausschließlich von moralischen und zivilisatorischen Werten bestimmt ist, erkannt hat und sich seiner eigenen Natur, seiner eigenen Fähigkeiten, seiner eigenen Energie besinnt: Mit der Rückkehr des Naturmotivs vom Beginn der Tondichtung kehrt die Hoffnung zurück, das Bewusstsein um den eigenen Geist, die eigenen Fähigkeiten und die Selbstverantwortung, die Freiheit bedeutet. Auf dem Höhepunkt des „Tanzliedes“ erklingen die Mitternachtsglocken, bevor das „Nachtwandlerlied“ zur Hymne auf das neue Zeitalter wird, dessen Mittelpunkt die „condition humaine“ bildet, und die Vollendung von Zarathustras Lebenswerk feiert: des freien selbst verantwortlichen Menschen.

 

„Also sprach Zarathustra“ faszinierte als eines der meistgelesenen Bücher seiner Zeit ganz selbstverständlich auch Richard Strauss, der sich mit der aristokratischen Weltanschauung des Philosophen – im Sinne von Platons „Politeia“ mit der „Herrschaft der Besten“ – problemlos identifizieren konnte. Zarathustra wurde zum Leitbild einer Generation, die in Nietzsches Philosophie mit ihrer orgiastischen Lebensbejahung eine willkommene Alternative zur Dekadenz des Fin de Siècle erkannte. Das dionysisch gesteigerte Lebensgefühl, die aristokratisch orientierte Lehre vom Übermenschen, die beißende Kulturkritik, die an menschlichen Instinkten und der Diesseitigkeit orientierte Moralkritik waren Themen, die weite Teile der intellektuell gebildeten Kreise faszinierten.